Glimmer beim Fotografieren: Kleine Momente ohne Namen
Am Freitag war ich in der Früh für meinen Landschaftsfotografie-Kurs draußen, zum Sonnenaufgang. Richtig kalt war’s nicht, aber frisch. Ich war müde und ehrlich gesagt nicht so ganz motiviert. Aber ich wollte ein Foto haben.
Ich beeile mich, pünktlich zum Sonnenaufgang auf dem Platz zu sein, den ich geplant hatte. Dann steh ich da, Kamera am Stativ, und warte. Nicht viel passiert erstmal. Nur das langsame Hellerwerden. Im Osten sind einige Wolken. Und dann, auf einmal, kippt das Licht. Ein kurzes Fenster, in dem alles golden wird und zu leuchten beginnt.
Der Ort liegt gleich um die Ecke und das Licht war richtig schön. Ich hab mich gefreut und war froh, dass ich losgegangen bin. Raus aus der Komfortzone, das hat sich gelohnt.
Dass es für solche Momente ein eigenes Wort gibt, hab ich erst am nächsten Tag erfahren: Glimmer!
Was ist eigentlich Glimmer?
Am Samstag lese ich in der WOMAN (Heft vom 24.09.26) einen Artikel von Jennifer Koutni über Glimmer. Das sind kleine, flüchtige Momente, die Freude, Sicherheit oder Verbundenheit auslösen. Für mich ist das eine Katze, die schnurrt, während ich sie streichle, oder eine Tasse Tee.
Nichts davon ist spektakulär, und genau darum geht’s.
Der Begriff ist das Gegenstück zum Trigger. Der steht meist für negative Auslöser, Glimmer sind die positiven Gegenspieler. Geprägt hat ihn die US-amerikanische Traumatherapeutin Deb Dana 2018 in ihrem Buch „Polyvagal Theory in Therapy“.
Und während ich das lese, denk ich: Moment mal. Das kenn ich doch.
Das mach ich doch längst
Mein Motto für dieses Jahr heißt Small Things. Big Magic. Da geht’s im Kern genau darum, dass die Magie nicht im Spektakulären steckt, sondern in den kleinen Dingen. Eine Spiegelung in einer Pfütze zum Beispiel. Ich hab sogar schon einmal 50 solcher Momente gesammelt.
Für meinen High-Key-Fotokurs im Februar wollte ich Yoshi fotografieren. Beim ersten Shooting hat es noch nicht ganz geklappt. Beim zweiten setzt er sich plötzlich so hin und schaut am Vorhang vorbei.
Das war auch ein Glimmer. Ich wusste es damals nur noch nicht.

Warum übersehen wir die kleinen Momente so leicht?
Was mich im Artikel überrascht hat: Unser Gehirn bleibt an Negativem stärker hängen als an Schönem. Evolutionär ergibt das Sinn. Die Bewegung im Gebüsch war wichtiger als der Sonnenuntergang daneben.
Dazu kommen E-Mails und Push-Mitteilungen, die ständig an unserer Aufmerksamkeit zerren. Die Psychiaterin Dr. Christa Rados spricht von einem enormen Informations-Overkill. Gerade deshalb könne es sinnvoll sein, positiven Reizen wieder mehr Raum zu geben.
Im Artikel steht: „Wir übersehen im stressigen Alltag oft vieles, was uns guttut.“ Wir können öfter ein bisschen genauer darauf achten und hinschauen, was uns guttut.
Mit der Kamera in der Hand passiert das sowieso fast automatisch. Du gehst raus, um genau hinzuschauen, nicht nur, um vorbeizugehen. Und dann fällt dir ein Detail auf, das du sonst einfach übersehen hättest. Der schlafende Kater in der Sonne. Der Morgentau auf der Wiese. Und plötzlich musst du natürlich ein Foto machen.
Und was, wenn ich einfach nichts sehe?
Dann gibt’s die anderen Tage. Da geh ich raus und seh einfach nichts. Keine Stimmung dafür, kein Blick dafür, nix.
Das ist manchmal wie beim Shoppen. Ohne Lust findest du nichts, egal wie viele Geschäfte du abklapperst. Beim Fotografieren schau ich manchmal durch den Sucher und denk mir nur: Heute nicht.
Glimmer garantieren keine glückliche Zeit. Manchmal findest du keine positiven Momente. Und das darf auch mal nicht klappen.
Interessant ist aber: Beim Fotografieren hilft mir das Rausgehen trotzdem oft, auch wenn ich mit nichts rechne. Ich muss mir gar nicht vornehmen, etwas zu finden. Oft reicht schon die frische Luft, die Bewegung, das Weg-vom-Schreibtisch. Und danach geht’s mir meistens besser, ob ich jetzt ein Foto mit nach Hause bringe oder nicht. Wenn dir einfach nur gerade nichts glimmert: Probier’s mal mit Rausgehen und Fotografieren.
Vielleicht hast du auch schon geglimmert, ohne es zu wissen
Ich weiß noch nicht, ob Glimmer mein neues Lieblingswort wird. Vielleicht vergess ich’s in zwei Wochen wieder. Aber am Freitag in der Früh, beim Sonnenaufgang, da hat’s definitiv geglimmert.
Vielleicht kennst du das auch: ein Moment beim Fotografieren oder im Alltag, für den du noch kein Wort hattest. Achte beim nächsten Rausgehen einfach mal darauf, ohne Druck. Und wenn du magst, erzähl mir in den Kommentaren von deinem letzten Glimmer-Moment.
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