Warum wir unsere eigene Umgebung irgendwann nicht mehr sehen
Ich gehe eine Straße entlang, die ich seit Jahren kenne. Und dann, ganz plötzlich, fällt mir ein Detail einer Fassade auf, das mir noch nie aufgefallen ist.
Mein erster Gedanke: Ist das schon immer da?
Natürlich war es schon immer da. Ich hatte nur nie wirklich hingeschaut.
Im Urlaub geht mir das nie so. Dort schaue ich automatisch genauer hin, bleibe stehen, entdecke etwas. Zu Hause dagegen glaube ich oft, längst alles zu kennen. Warum das so ist, und was mir dabei über meinen eigenen Blick aufgefallen ist, will ich dir in diesem Artikel erzählen.
Wenn der Weg nur noch Mittel zum Zweck ist
Wenn ich in die Arbeit gehe, hab ich ein klares Ziel vor Augen. Ich gehe von der U-Bahn ins Büro beim Stephansdom und später wieder zurück. Mein Kopf ist schon bei dem, was ich als Nächstes erledigen muss. Die Straße dazwischen ist dann vor allem eines: der Weg zum Ziel.
Mit der Kamera in der Hand ist das anders. Dann hab ich Zeit, mich umzuschauen. Ich achte auf Licht, Linien, Fassaden und kleine Details. Dieselbe Straße kann dadurch plötzlich vollkommen anders wirken.

Genau das ist mir in der Rotenturmstraße im ersten Wiener Bezirk passiert. Ich war dort schon unzählige Male unterwegs, immer auf dem Weg irgendwohin. Als ich einmal bewusst durch die Straße gegangen bin und nach oben geschaut habe, hab ich ein Detail an einer Fassade gesehen, das mir bis dahin komplett entgangen war. Und ich hab es bis jetzt noch immer nicht fotografiert.
Vertraut bedeutet eben nicht automatisch bekannt. Ich kenne den schnellsten Weg, die nächste U-Bahn-Station, die Ampel, an der ich immer warten muss. Was über meinem Kopf oder in der Seitengasse daneben ist, hab ich oft nie wirklich gesehen.


Zwei Jahre auf demselben Weg
Während der Corona-Zeit bin ich rund zwei Jahre lang immer wieder denselben Rundweg zwischen den Weingärten gegangen. Der Weg war wirklich immer derselbe. Trotzdem hat er sich ständig verändert: Frühlingsblumen, blühende Bäume, Margariten und Kornblumen im Sommer, hoher Weizen, abgeerntete Felder, verfärbte Blätter im Herbst, Raureif im Winter.
Ich hätte damals gesagt, das liegt am Ort. An den Jahreszeiten, am Licht, am Wetter. Oder dass ich manchmal in die andere Richtung gegangen bin.


Je länger ich fotografiert habe, desto mehr habe ich auf Hintergründe geachtet, Führungslinien erkannt, die Perspektive gewechselt. Würde ich heute denselben Weg gehen, würde ich vermutlich ganz andere Motive sehen als damals. Hin und wieder geh ich dort auch noch.


Auch ich verändere mich. Deshalb halte ich nichts davon, einen Ort nach einem Besuch als erledigt abzuhaken. Ich gehe gerne mehrmals an schon bekannte Orte zurück, nicht sofort, aber nach ein paar Monaten oder in einer anderen Jahreszeit. Fast immer hat sich etwas verändert. Und wenn es nur mein eigener Blick ist.

Was mir dabei hilft, wieder genauer hinzuschauen
Ich brauch dafür meistens keinen neuen Ort. Es reicht, meinen gewohnten Weg mit einer anderen Frage im Kopf zu gehen: Was würde mir hier auffallen, wenn ich zum ersten Mal da wäre? Dann schaue ich wieder genauer hin.
Manchmal fotografiere ich bewusst das, was ich sonst zu gewöhnlich finde: ein Fenster, eine Tür, den Baum, an dem ich täglich vorbeigehe. Gerade das Alltäglichste ist oft das, was ich am Ende gar nicht mehr bewusst wahrnehme.

Wenn du richtig ins Umsetzen kommen willst, mit ganz konkreten Motiv-Ideen für deine Umgebung, findest du das ausführlich in meinen Artikeln Fotomotive vor der Haustür finden und Spannende Fotomotive im Alltag entdecken.
Was hast du hier bisher übersehen?
Du musst beim nächsten Spaziergang keine zehn tollen Fotos mit nach Hause bringen. Geh einfach einen Weg, den du gut kennst, und stell dir unterwegs nur diese eine Frage:
Was habe ich hier bisher übersehen?
Vielleicht ist es ein Detail an einer Fassade, das ganz sicher nicht über Nacht aufgetaucht ist. Vielleicht das Licht, das gerade schön durch einen Baum fällt. Deine Umgebung muss dafür nicht spektakulär sein. Schau nur wieder ein bisschen neugieriger hin.
Fotomotive sind überall. Du musst sie nur wieder sehen lernen.
