Streetfotografie: Meine Erfahrungen aus dem Fotokurs
Früher hätte ich in der U-Bahn aufs Handy geschaut. Jetzt beobachte ich die Menschen um mich herum.
Ich dachte, Streetfotografie bedeutet einfach, fremde Menschen zu fotografieren. Also habe ich mich für den Advanced-Kurs bei Nicola Lederer angemeldet, von Mitte Juni bis Ende Juli, um das endlich richtig zu lernen.
Schnell wurde klar: Es geht um etwas ganz anderes. Nicht um die Menschen selbst, sondern um die Geschichte, die in einem einzigen Moment steckt.
Was ich alles gelernt habe, zeige ich dir jetzt. Los geht’s!
Was ist Streetfotografie?
Streetfotografie bedeutet, Alltagsleben im öffentlichen Raum einzufangen. Nicht gestellt, nicht geplant, sondern genau in dem Moment, in dem etwas Echtes passiert. Das kann auf der Straße sein, in der U-Bahn, an einem Bahnhof oder vor einem Hotel. Wichtig ist nicht der Ort (also es muss nicht unbedingt auf der Straße sein), sondern der Moment.
Meine Learnings aus dem Streetfotografie-Kurs
Streetfotografie ist nichts, was nebenbei passiert
Ich habe unterschätzt, wie viel Geduld Streetfotografie braucht. Das ist ja fast wie bei Wildlife.
Die entscheidenden Momente dauern oft nur einen Wimpernschlag, flüchtige Augenblicke. Mit der Zeit habe ich sie zumindest erkannt, war beim Auslösen aber noch zu langsam.

Gute Fotos erzählen eine Geschichte
Das war wahrscheinlich mein größtes Learning.
Es geht gar nicht darum, Menschen einfach zu fotografieren. Es geht darum, einen Moment einzufangen, der etwas erzählt.
Nicht die Personen machen das Bild interessant. Die Geschichte macht das Bild interessant.

Beobachten ist genauso wichtig wie Fotografieren
Das war für mich eine überraschende Erkenntnis. Ich habe angefangen, die Leute zu beobachten und mir Fragen zu stellen:
- Was passiert hier gerade?
- Entwickelt sich daraus eine interessante Szene?
- Lohnt es sich zu warten?
Ich gehe seitdem viel aufmerksamer durch die Straßen.

Ich habe gelernt, Momente zu erkennen
Früher hätte ich viele Situationen einfach übersehen. Jetzt merke ich oft: Da passiert gleich etwas.
Ein Auslöser muss dafür gar nicht spektakulär sein. Manchmal reicht eine kleine Geste oder ein Detail, wenn genau dieser Moment das Bild besonders macht. Bei zwei Frauen mit Koffern war es einfach ihr synchroner Schritt, beide genau im gleichen Rhythmus unterwegs. Auf den ersten Blick sieht man nur zwei Frauen mit Gepäck. Erst der gleiche Schritt macht daraus für mich ein Bild.

Licht und Hintergrund entscheiden mit
Eine interessante Szene allein reicht nicht.
Mehrmals hatte ich das Gefühl: Die Geschichte ist gut, aber das Licht oder der Hintergrund machen das Bild nicht besonders.
Erst wenn drei Dinge zusammenkommen, entsteht ein starkes Foto:
- eine interessante Situation,
- gutes Licht,
- ein ruhiger oder passender Hintergrund.
Gerade beim Hintergrund habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, sich bewusst zu positionieren oder lieber noch einen Moment zu warten.

Menschen machen Architektur lebendig
Das nehme ich aus dem Kurs definitiv mit.
Früher habe ich im Urlaub oder auch bei Architekturfotos oft gewartet, bis niemand durchs Bild läuft. Heute weiß ich: Ein Mensch kann einem Architekturfoto genau das geben, was ihm vorher gefehlt hat:
- eine Größenordnung,
- Bewegung,
- Spannung,
- Atmosphäre,
- eine Geschichte.
Dabei müssen die Personen gar nicht erkennbar sein. Silhouetten, Rückenansichten oder Gegenlicht gefallen mir sogar besser.

Kleine Details machen oft den Unterschied
Manchmal ist es nicht die große Szene, sondern eine Kleinigkeit, die ein Bild trägt. Eine Spiegelung, ein Satz im Hintergrund, ein Detail, das man erst beim zweiten Hinschauen bemerkt.

Streetfotografie braucht Mut
Vor allem am Anfang war es schon sehr komisch fremde Menschen zu fotografieren. Ich habe immer geschaut, ob die herschauen, ob wer was sagt, ob das wer überhaupt nicht mag. Das verstehe ich voll.
Ich muss sagen, dass oft gar keiner geschaut hat. Ich bin in der Früh am Praterstern gestanden und keiner hat sich dafür interessiert, dass ich fotografiere. Die sind alle nur schnell zur U-Bahn gegangen. In der Innenstadt bin ich auch nicht aufgefallen. Vor dem Stephansdom wurde ich von einem Mann angesprochen, der mir erklärt hat, wie schön der Dom ist. Meine Gedanken: Ich hab grad den Fahrradtaxler vor seinem Fahrrad fotografiert (warum ich dir das Bild nicht zeigen kann, kommt weiter unten). Ja ja, schöner Dom.
Trotzdem war es immer irgendwie ein mulmiges Gefühl beim Fotografieren.

Was gut funktioniert hat, was nicht
Wenn ich ehrlich bin: Das eine Foto, bei dem für mich wirklich alles zusammenpasst, Geschichte, Licht, Hintergrund, Timing, habe ich noch nicht. Aber vielleicht bin ich nah dran.
Ein paar Bilder sind technisch in Ordnung. Die Belichtung passt, der Bildaufbau passt. Aber der Moment fehlt trotzdem oft. Ich sehe die Szene, erkenne, dass da etwas passiert, und drücke dann zu spät ab, weil der Moment so schnell wieder vorbei ist.
Andere Male hat der Bildausschnitt und die Perspektive nicht so gut gepasst. Bei einem Foto am Bahnhof hatte ich die große Uhr im Hintergrund nur angeschnitten, dabei hätte gerade die ganze Uhr das Bild getragen. Außerdem hätte die Perspektive besser sein können. Kleinigkeiten wie diese merke ich oft erst hinterher.

Nebenbei habe ich auch ein bisschen mit Spiegelungen experimentiert. Glasflächen und Fenster eröffnen nochmal eine ganz andere Ebene. Manchmal wird dabei eine Person kaum noch erkennbar, fast schon abstrakt, während daneben eine zweite Person ganz klar als Silhouette steht.

Was überraschend gut funktioniert hat: Mir zu meinen Bildern im Nachhinein Geschichten zu überlegen. Was passiert hier gerade? Wer sind diese Menschen? Das hat mir richtig Spaß gemacht, unabhängig davon, ob das Foto selbst gut ist. Wahrscheinlich versteht man meine Geschichte auch nur, wenn man die Leute vorher schon beobachtet hat.
Zeigen kann ich dir die meisten dieser Bilder nicht. Die Personen darauf sind erkennbar, und genau darum geht es ja im nächsten Punkt.
Was mich an der Streetfotografie zusätzlich bremst: Die rechtliche Seite
Fotografieren im öffentlichen Raum ist in Österreich grundsätzlich erlaubt. Sobald ich ein Foto aber veröffentlichen will, sieht die Sache anders aus. Dann greift das Recht am eigenen Bild. Die genauen Regeln unterscheiden sich je nach Land, ich beschreibe hier die österreichische Rechtslage.
Ist eine Person auf dem Bild klar erkennbar und das zentrale Motiv, brauche ich im Grunde ihre Zustimmung. Es geht dabei nicht um ein hartes Verbot, sondern um eine Abwägung: Meine Interessen als Fotografin stehen den Interessen der abgebildeten Person gegenüber, zum Beispiel ihrer Privatsphäre. Je mehr eine Person im Mittelpunkt des Bildes steht, desto strenger wird diese Abwägung.
Ist eine Person dagegen nur Teil einer größeren Szene, etwa in einer Menschenmenge oder am Rand des Bildes, ist die Veröffentlichung meist unproblematisch. Genau da liegt für mich der Unterschied zwischen einem Streetfoto, das ich zeigen kann, und einem, das ich lieber für mich behalte.
Und ehrlich gesagt: Ich verstehe das auch. Ich würde selbst nicht wollen, dass Fotos von mir veröffentlicht werden, ohne dass ich davon weiß. Genau das macht Streetfotografie für mich nicht einfacher.
Kinder fotografiere ich grundsätzlich nicht, genauso wenig Situationen, die jemanden bloßstellen oder peinlich berühren würden.
Kurzer Hinweis: Das ist keine Rechtsberatung, sondern meine persönliche Recherche und Erfahrung. Bei Unsicherheit lohnt sich eine Rechtsberatung.

Was ich über meinen Stil gelernt habe
Streetfotografie ist wahrscheinlich nicht mein Genre. Zumindest nicht im klassischen Sinn.
Menschen zu beobachten finde ich total spannend. Aber als Hauptmotiv im Bild schreckt mich vor allem die rechtliche Seite ab. Mich interessiert mehr, wie sie einen Ort lebendig machen. Wie ich sie in meine Architekturfotos einbauen kann. Mir gefällt das Spiel mit Licht und Schatten und Silhouetten.
Der Satz bringt es für mich auf den Punkt:
Ich fotografiere Menschen nicht als Hauptmotiv, ich fotografiere, wie Menschen einen Ort lebendig machen.
Ich glaube, genau das ist mein Stil.
Ein gutes Streetfoto muss übrigens gar nicht schön sein. Genau das ist der Witz an dem Genre, es geht um den Moment, nicht um die Ästhetik. Und trotzdem ertappe ich mich dabei, wie ich am liebsten beides hätte: die Geschichte und ein schönes Bild. Ich fürchte, davon komme ich so schnell nicht weg.
Nach der letzten Fotosession bin ich dem Genre insgesamt aber auch nicht mehr so abgeneigt wie am Anfang. Es reizt mich schon, und ich finde es spannend, Menschen zu beobachten.
Was ich vom Streetfotografie-Kurs mitnehme
Ich weiß noch nicht, ob Streetfotografie langfristig mein Genre wird. Wohl eher nicht. Obwohl sie schon ihren Reiz hat.
Aber der Kurs hat meine Art zu fotografieren verändert. Ich beobachte mehr. Ich erkenne mehr. Ich denke mehr in Geschichten.
Ein gutes Streetfoto besteht für mich aus drei Zutaten: Geschichte, Licht und Hintergrund. Fehlt eine davon, verliert das Bild an Wirkung.
Das Foto, bei dem wirklich alle drei zusammenkommen und das Nicola nichts mehr auszusetzen hätte, fehlt mir bis heute. Ob mich das stört, weiß ich ehrlich gesagt selbst nicht genau.
Ich werde künftig viel bewusster Menschen in meine Architektur- und Reisefotos integrieren, nicht als Hauptmotiv, sondern als das Element, das einem Ort Leben gibt.
Hast du schon mal Streetfotografie ausprobiert? Erzähl mir davon in den Kommentaren!
Kurz zusammengefasst
Das Wichtigste aus meinem Streetfotografie-Kurs:
- Streetfotografie bedeutet, Alltagsleben im öffentlichen Raum ungestellt einzufangen, egal ob auf der Straße, am Bahnhof oder in der U-Bahn.
- Geduld ist entscheidend: Die besten Momente dauern oft nur einen Wimpernschlag.
- Nicht die Person macht ein Bild interessant, sondern die Geschichte, die es erzählt.
- Beobachten ist genauso wichtig wie Fotografieren selbst.
- Ein Auslöser muss nicht spektakulär sein, manchmal reicht eine kleine Geste oder ein synchroner Schritt.
- Ein starkes Foto braucht Geschichte, Licht und Hintergrund gleichzeitig.
- Menschen machen Architektur lebendig, auch als Silhouette oder Rückenansicht.
- Kleine Details, wie eine Spiegelung oder ein Satz im Hintergrund, können ein Bild tragen.
- Streetfotografie braucht Mut, auch wenn die meisten Menschen das Fotografieren gar nicht bemerken.
- Veröffentlichen ist rechtlich nicht dasselbe wie Fotografieren: Bei erkennbaren Personen als Hauptmotiv greift das Recht am eigenen Bild.
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