Wildlife-Fotografie: Was ich in vier Wochen Fotokurs gelernt habe
Ich gehe durch den Garten auf der Suche nach Tieren. Zwei Libellen schwirren um mich herum. Sie bleiben aber nirgends länger als drei Sekunden sitzen. Mit den beiden wird das nix.
Ein Rosenkäfer. Blende passt, Belichtungszeit und ISO einstellen, Fokusfeld auf den Kopf ….und er verschwindet zwischen den Blüten.
So hat mein erster Versuch mit Wildlife-Fotografie ausgeschaut. Zu langsam.
Als Nicola Lederer gleich am Anfang des Advanced-Kurses zum Thema Wildlife-Fotografie von viel Geduld geredet hat, hab ich schon gewusst: Das wird eine Herausforderung für mich. Geduld hab ich nicht.
In diesem Blogartikel erzähle ich dir von meinen Erfahrungen in vier Wochen Wildlife-Fotografie. Nicht nur technisch, sondern auch, was sich in meinem Kopf verändert hat. Los geht’s!
Was ist Wildlife-Fotografie?
Wildlife-Fotografie bedeutet, Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu fotografieren.
Das Tier entscheidet, wann es sich zeigt, wie lange es bleibt und was es als nächstes macht. Deine Aufgabe ist es, im Hintergrund zu bleiben und im richtigen Moment bereit zu sein.
Wildlife-Fotografie muss übrigens nicht bedeuten, auf Safari nach Afrika zu fahren. Schon im eigenen Garten gibt es Insekten, Vögel und kleine Tiere, die sich perfekt als Motive eignen.
Was ich alles fotografiert habe
In vier Wochen war ich mit der Kamera im Garten und auf der Ziesel-Wiese unterwegs. Ziesel sind kleine Erdhörnchen, die in Wien und Umgebung heimisch sind. Du kommst in manchen Gebieten sehr nahe an sie heran, weil sie leider auch mit falschen Sachen angefüttert werden. Die Ziesel hab ich schon in den letzten Jahren ein paar Mal besucht.
Meine Motive: Libellen, Rosenkäfer, ein Grünes Heupferd, Bienen, Hummeln, Wildbienen, Ameisen und Ziesel.

Meine Learnings aus dem Wildlife-Fotokurs
1. Geduld: das wichtigste Werkzeug
Geduld haben kenn ich vom Katzenfotografieren. Nein. Kenne ich nicht.
Bei Felix und Yoshi warte ich vielleicht ein paar Minuten, bis der richtige Moment kommt. Oder ich locke sie mit Leckerli und Spielsachen. Bei Wildtieren kann das deutlich länger dauern. Und dann ist der perfekte Moment in drei Sekunden vorbei.
Was ich gelernt habe: Geduld bedeutet bei Wildlife-Fotografie nicht einfach nur warten. Es bedeutet, beobachten. Wie bewegt sich das Tier? Wo schaut es hin? Wohin läuft es wahrscheinlich als nächstes? Je mehr ich beobachte, desto besser kann ich einschätzen, wann der richtige Moment kommt.
Und es gibt natürlich auch Tiere, die gemütlicher unterwegs sind. Ich habe ein Grünes Heupferd in einer Rose (du siehst es am Titelbild) entdeckt, das ziemlich lange auf seinem Platz geblieben ist. Aber bis es sich in die richtige Richtung gedreht und das Licht gepasst hat, habe ich trotzdem eine Menge Geduld gebraucht.
2. Das Foto soll erzählen, nicht nur dokumentieren
Eines der wichtigsten Learnings aus dem Kurs war für mich dieser Gedanke: Ein gutes Wildlife-Foto soll nicht einfach zeigen, dass ich ein Tier gesehen habe.
„Schau, da war eine Libelle“ ist kein Foto. Es ist ein Beweis.
Ein gutes Foto zeigt, was das Tier gerade macht. Es vermittelt eine Stimmung, weckt Neugier, lässt den Betrachter einen Moment länger hinschauen. Vielleicht fliegt die Libelle gerade ab. Vielleicht sitzt der Käfer mitten in einer Blüte und frisst. Vielleicht schaut das Heupferd direkt in die Kamera, als würde es sich fragen, wer da eigentlich wen beobachtet.
Genau diese Momente machen den Unterschied. Ein Bild mit Atmosphäre, das den Betrachter einen Moment innehalten lässt. Ein kleiner Funken Leben drin.

3. Schnell bei den Einstellungen sein
Beim Porträtfotografieren oder beim Fotografieren von Fotospots habe ich Zeit. Ich kann die Einstellungen in Ruhe wählen, nochmal anpassen, nochmal schauen.
Bei Wildlife nicht.
Das Tier wartet nicht, bis ich die Belichtungszeit gefunden habe. Es wartet nicht, bis ich das Fokusfeld verschoben habe. Es wartet einfach gar nicht.
Was ich gemerkt habe: Ich muss meine Kamera viel besser kennen, als ich dachte. Nicht ungefähr wissen, wo welche Einstellung ist. Sondern blind. Ohne nachzudenken, ohne zu suchen.
Das war eine der größten Herausforderungen für mich im Kurs. Ich habe fast ausschließlich durch den Sucher fotografiert, was ich sonst kaum mache. Der Vorteil: Die Kamera liegt stabiler, man verliert das Motiv nicht so leicht aus dem Blick und bei Sonnenlicht sieht man einfach mehr als auf dem Display. Und ich habe gemerkt, wie viel Übung ich noch brauche, bis meine Finger einfach automatisch das Richtige tun. Die Ameisen in meinem Garten haben mich da zur Verzweiflung gebracht.
Noch ein Hinweis, falls du gerade mit Wildlife-Fotografie anfängst: Du solltest das Belichtungsdreieck gut kennen. Die Zeit, um in Ruhe über ISO, Blende und Belichtungszeit nachzudenken, hast du schlicht nicht.

4. Blende: Nicht zu weit öffnen
Beim Porträtfotografieren liebe ich eine offene Blende. Schöne Unschärfe im Hintergrund, das Motiv schön freigestellt. Bei Wildlife musst du da vorsichtig sein.
Wenn sich das Tier auch nur minimal bewegt, ist plötzlich der Kopf scharf und der Rest sehr unscharf. Bei einem Insekt, das sich ständig bewegt, ist das fast unvermeidlich.
Ich habe gelernt, die Blende etwas weiter zu schließen, damit mehr vom Tier scharf bleibt. Man verliert etwas an Freistellung, aber man gewinnt ein Bild, das tatsächlich funktioniert.

5. ISO darf höher sein
Lange war ich sehr vorsichtig mit hohen ISO-Werten. Rauschen wollte ich unbedingt vermeiden.
Bei Wildlife-Fotografie fotografierst du oft in Situationen, wo das Licht nicht ideal ist. Da brauchst du eine kurze Belichtungszeit, damit das Tier scharf bleibt. Dafür muss die ISO höher sein.
Ich habe mir inzwischen DxO PureRaw gekauft, ein Programm zur Rauschreduzierung. Ich habe zwar schon vorher mit höheren ISO-Werten fotografiert, aber jetzt kann ich das Rauschen einfach und sehr gut beseitigen. Das gibt mir nochmal mehr Spielraum.
Falls dich interessiert, welche anderen Fotografie-Mythen sich hartnäckig halten: Schau mal in meinen Artikel über Fotografie-Mythen.
6. Licht und Hintergrund
Und wieder einmal. Licht und Hintergrund.
Ich sage das in fast jedem Fotokurs-Rückblick, aber es stimmt einfach immer wieder: Diese beiden machen den größten Unterschied.
Bei Wildlife-Fotografie habe ich das nochmal ganz anders gespürt. Du hast oft keine Kontrolle über das Licht. Du kannst das Tier nicht bitten, sich in eine bessere Position zu drehen. Du wartest, beobachtest und hoffst, dass der Moment kommt, wo Licht, Hintergrund und Tier zusammenpassen. Und du dann auch bereit bist.
Ein unruhiger Hintergrund kann ein sonst schönes Foto komplett zerstören. Diese Türkentaube ist ein gutes Beispiel dafür: Das Licht passt, der Vogel ist scharf, aber die vielen Äste im Hintergrund lenken den Blick weg vom Motiv.

Und der Unterschied, den Licht macht, lässt sich gut an diesen zwei Marienkäfer-Fotos sehen. Gleiches Motiv, ähnlicher Ort, anderes Licht. Beim ersten wirkt der Käfer flach, das Rot kaum sichtbar. Beim zweiten leuchtet er richtig auf, sogar die feinen Wassertröpfchen auf dem Panzer sind zu sehen.


Wenn das Licht stimmt und der Hintergrund ruhig ist, entsteht plötzlich genau dieses Bild, für das man die ganze Zeit gewartet hat.
7. Farbe und Stimmung
Etwas, das mich im Kurs nochmal bewusster gemacht hat: Farbe ist nicht einfach nur Farbe. Sie trägt die Stimmung eines Fotos.
Diese Fliege wäre auf einem anderen Hintergrund ein völlig anderes Bild. Vielleicht sogar ein uninteressantes. Aber das kräftige Lila der Blüte, das Schwarz-Grau der Fliege und diese leuchtend roten Augen ergeben zusammen plötzlich etwas, das man länger anschaut.
Bei Wildlife-Fotografie lohnt es sich, schon vor dem Auslösen kurz innezuhalten: Welche Farbe hat der Hintergrund? Welche das Tier? Kontraste machen neugierig, Harmonien beruhigen. Beides kann funktionieren.

Meine Lieblingsbilder aus dem Kurs
Manche Fotos bleiben einfach hängen. Nicht immer, weil alles perfekt ist, sondern weil der Moment gestimmt hat.
Der Rosenkäfer auf den weißen Blüten. Zufällig entdeckt, vollkommen beschäftigt mit dem Fressen. Der metallisch grüne Panzer leuchtet in der Sonne, der Hintergrund ist ruhig. Genau dieser Moment, für den man wartet.


Das Grüne Heupferd in der pink-violetten Blüte. Es hat mich direkt angeschaut, als würde es sich fragen, wer da eigentlich wen beobachtet. Blickkontakt, starke Farben, eine Geschichte im Bild.

Das Ziesel-Baby mit dem roten Mohn. So eine Szene plant man nicht. Du wartest, beobachtest und dann passiert genau das. Mehr zum Thema Ziesel fotografieren gibt es demnächst in einem eigenen Blogartikel.

Und die Hummel im Flug. Farblich nicht perfekt, das gebe ich zu. Aber die Pollentaschen voll, die Flügel in Bewegung. Manchmal ist ein Foto ein Lieblingsbild, obwohl nicht alles stimmt.

Was nicht so gut funktioniert hat
Nicht jeder Versuch im Kurs war erfolgreich. Und das gehört dazu.
Die Libellen haben mich von Anfang an zur Weißglut gebracht. Drei Sekunden sitzen, dann weg. Ich habe es immer wieder versucht. Alle Bilder unscharf oder zu weit weg oder zu schnell weg. Ein paar Tage später habe ich dann doch noch eine erwischt. Manchmal braucht man einfach einen zweiten Anlauf.

Dann war da noch der Frosch im Teich. Ich habe ihn gesehen, er hat mich angeschaut. Aber ein gutes Foto auf Augenhöhe war schlicht nicht möglich. Zu viele Pflanzen, zu verwachsen, kein freier Blick.
Und dann ist mittendrin beim zweiten Besuch der Ziesel meine Kamera eingegangen. Ich habe erst zu Hause gemerkt, dass bei den Fotos der letzten halben Stunde ein Teil schwarz war. Die Kamera ist jetzt bei der Reparatur. Ich warte auf den Kostenvoranschlag.
Mein Fazit nach vier Wochen Wildlife-Fotografie
Der Kurs hat mir richtig viel gebracht. Nicht nur technisch, sondern auch in der Art, wie ich Tiere beobachte.
Ich gehe jetzt anders durch den Garten. Ich schaue genauer hin, bleibe länger stehen, warte ab. Und ich merke, wie viel mehr ich sehe, wenn ich mir einfach mehr Zeit nehme.
Wildlife-Fotografie ist nichts, das man nach vier Wochen perfekt beherrscht. Aber genau das mag ich daran. Es gibt immer ein Tier, das schneller ist als ich. Immer einen Moment, den ich knapp verpasst habe. Und immer einen Grund, es nochmal zu versuchen.
Mein Mann hat sich die Fotos angeschaut und gemeint: „Vor so was rennst du sonst weg oder schreist, ich soll es vor die Tür setzen.“ Irgendwie hat er nicht Unrecht.
Hast du schon mal Wildtiere fotografiert? Wie sind deine Erfahrungen?

Wildlife-Fotografie kurz zusammengefasst
Das Wichtigste aus meinen Wildlife-Experimenten:
- Geduld bedeutet nicht nur warten, sondern beobachten. Wie bewegt sich das Tier, wohin läuft es als nächstes?
- Ein gutes Wildlife-Foto dokumentiert nicht nur, es erzählt. Es braucht einen Moment, Stimmung und Atmosphäre.
- Du musst deine Kamera blind bedienen können. Keine Zeit zum Suchen.
- Das Belichtungsdreieck muss sitzen, bevor du losgehst.
- Blende nicht zu weit offen, sonst ist nur ein Teil des Tieres scharf.
- Die ISO darf höher sein. Mit DxO PureRaw zum Beispiel lässt sich Rauschen gut beseitigen.
- Licht und Hintergrund machen den Unterschied, auch bei Wildlife.
- Farbe trägt die Stimmung eines Fotos.
- Wildlife-Fotografie muss nicht Safari bedeuten. Der Garten reicht.
Entdecke meine weiteren Foto-Projekte:
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